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Kling, Glöckcken, klingelingeling

„Petronilla“, Bronze Glocke, Venedig, 1370. Mdina (Malta), Metropolitan Cathedral Museum. Courtesy of: Metropolitan Cathedral Chapter, Mdina, Malta.

„Petronilla“, Bronze Glocke, Venedig, 1370. Mdina (Malta), Metropolitan Cathedral Museum. Courtesy of: Metropolitan Cathedral Chapter, Mdina, Malta.

Nach einer längeren Winter- und Weihnachtspause meldet sich unser Blog mit den besten Wünschen zum neuen Jahr zurück – diesmal mit einem besonderen Klangobjekt aus Malta.


Wamba (Oviedo, 13. Jh.), Marie und Jacqueline (Paris, 14. Jh.), Barbara (Freiburg, 14. Jh.) oder Laurentia (Nürnberg, frühes 15. Jh.) – schon die Tatsache, dass mittelalterliche Glocken häufig eigene Namen trugen, verweist auf ihre herausragende kulturelle, religiöse und soziale Bedeutung. Als urbane Medien strukturierten sie Zeit, autorisierten Handlungen und regelten den Alltag.
Häufig orientierte sich die Namensgebung an ihrer Funktion (etwa die Martinella in Florenz, die als Marsglocke in Zeiten des Krieges zum Waffenruf erklang), an ihrer christlich-symbolischen Bedeutung (Pax, Gloriosa, Sanctus) oder an Heiligen und lokal bedeutsamen Persönlichkeiten (wie die Lullus-Glocke in Bad Hersfeld, 1038). Als „Stimme Gottes“ und zugleich als Stimme kirchlicher Institutionen treten Glocken häufig in ihren Inschriften selbst sprechend auf und formulieren in der ersten Person Aussagen über ihre Auftraggeber, ihre Herstellung und ihren religiösen Sinn. So erklärt die 1497 gegossene Gloriosa im Erfurter Dom, es sei ihre Aufgabe, „mit ruhmreichem Lob die Schutzherren zu besingen, den Blitz und die bösen Geister abzuwehren und zum Gottesdienst zu läuten, der im Dom vom Volk mit Gesang begangen werden soll“.


Glocken bieten darüber hinaus hervorragendes Material für eine global orientierte Sound Art History, da sich an ihnen die rituellen und kulturellen Dimensionen von Klang in interreligiöser Perspektive untersuchen lassen. Ein prominentes Beispiel aus China ist die Yongle-Glocke, eine rund 46,5 Tonnen schwere Bronze­glocke, gegossen 1403 in Peking unter der Ming-Dynastie. Hier diente die Glocke nicht zur Zeitmessung, sondern war Teil einer buddhistischen Zeremonie, in welcher Klang zur Stabilisierung der kosmologischen Ordnung eingesetzt wurde, in der die Ming-Herrscher sich als Vermittler zwischen Himmel und Erde inszenierten.


Wer sich noch an unseren früheren Beitrag zur Orgel aus Bethlehem erinnert, hat die Kreuzfahrer-Orgel des 12. Jahrhunderts vielleicht noch vor Augen – und ihren Klang im Ohr. Tatsächlich befand sich unter den 13 in Bethlehem gefundenen Glocken auch eine im chinesischen Stil gefertigte Glocke: ein eindrücklicher Hinweis auf transkulturelle Klang- und Motivzirkulationen bereits im 13. Jahrhundert.


Auch eine 2018 in Karabalgasun im Orchontal gefundene uighurische Bronzeglocke konnte durch aufwändige Restaurierungsarbeiten wieder zum Klingen gebracht werden. Die über 1200 Jahre alte Glocke trägt eine chinesische Inschrift und verweist auf das hoch entwickelte Metallhandwerk und die weitreichenden kulturellen Kontakte der Uighuren in Zentralasien.
Eine transkulturelle Glockengeschichte kommt nicht an Trophäen vorbei. 997 ließ der andalusische Herrscher Almanzor die Kathedralglocken von Santiago de Compostela abtransportieren und nach Córdoba bringen, wo sie in der Großen Moschee stumm präsentiert wurden. Christliche Klangmacht wurde auf diese Weise symbolisch unterworfen. Aus christlichen Kirchen erbeutete mittelalterliche Glocken, die als Leuchter umfunktioniert wurden, befinden sich seit dem 12. Jahrhundert in der Qarawiyyin-Moschee in Fez. Man sieht, auch das Nicht-Klingen von Glocken trägt Bedeutung.


Erfreulicherweise ist die Glockenforschung/ Campanologie heute aktiver und interdisziplinärer als je zuvor und verbindet Erkenntnisse aus Akustikforschung, Musikgeschichte, Archäologie und Heritage Studies. Eine aktuelle Studie zu mittelalterlichen Glocken im Valdres-Gebiet in Norwegen legt den Fokus auf Klang als immaterielles Kulturerbe. Anhand von Feldaufnahmen und tonanalytischer Auswertung wird deutlich, dass mittelalterliche Glocken nicht auf einen einheitlichen Klang hin produziert wurden, sondern jeweils eine eigenständige, lokal wiedererkennbare Stimme ausbildeten, eine Klangidentität. Bei der Bewahrung der Glocken geht es also nicht allein um Material und die Objekte, sondern auch um die Bewahrung der Praxis des manuellen Läutens und des Erfahrungswissens der Läutenden.


Von wem und wann die Petronilla-Glocke in Malta geläutet wurde, ist leider nicht mehr zu rekonstruieren. Sie befindet sich im Kathedralmuseum in Mdina und erhielt ihren Namen erst im 17. Jh., zu Ehren des Hl. Petrus. Gegossen wurde sie 1370 in Venedig, genauer, von den Gießern Nicolaus und Victor in ihrer Werkstatt in der Calle dei Fabbri. Darüber unterrichtet uns eine Inschrift in ornamentierter gotischer Schrift, die das Gussjahr, die Namen der Gießer sowie den Ort der Herstellung nennt. Der Hl. Paulus ist mit aufwärts gerichtetem Schwert als Relief auf der Glocke abgebildet. Die übrigen Seiten sind mit drei Wappenschilden geschmückt, die einen schreitenden Löwen zeigen, möglicherweise als Verweis auf das Symbol des hl. Markus, des Schutzpatrons von Venedig. Die Glocke wurde in der Lagunenstadt für die spätmittelalterliche Kathedrale von Mdina in Auftrag gegeben, aber unter welchen Umständen genau sie nach Malta gelangte ist ungewiss. Objekte dieser Art wurden in Venedig gezielt für den Export produziert und über maritime Handelsrouten in den Osten und Westen verschifft. Die Petronilla-Glocke steht damit exemplarisch für die Mobilität von Klangobjekten im Mittelalter, deren faszinierenden Biographien historische Epochen und geografische Grenzen transzendieren.

Eine kleine Sammlung an Beiträgen zum Thema mittelalterliche Glocken

de Blaauw, Sible: Campanae supra Urbem. Sull’uso delle campane nella Roma medievale, Rivista di storia della Chiesa in Italia 47 (1993), 367–414.

Jaspert, Nikolas: Stiller Islam? Die akustischen Handlungsräume von Muslimen unter christlicher Herrschaft, in: Klangräume des Mittelalters, hg. von Nikolas Jaspert & Harald Müller (Vorträge und Forschungen 94), Ostfildern 2023, 289–346.

Plitzner, Michael; Rupp, Andreas: This Is What the Middle Ages Sound Like: Methods and Principles for the Restoration of Historical Bells, DAS | DAGA 2025, Kopenhagen, Paper Nr. 389.
https://pub.dega-akustik.de/DAS-DAGA_2025/files/upload/paper/389.pdf

Rodríguez Suárez, Alex: Casting Bells for the East: An Unknown Aspect of the Artistic and Commercial History of Venice, Studi Veneziani (2021).

Vella, Charlene: New Light on Petronilla, the Oldest Bell in Malta, Melita Historica 15 (1) (2008), 49–54.

Online-Ressourcen

Deutsches Archäologisches Institut (DAI)
Portal zur Geschichte der Mongolei: Virtuelles Museum des Orchontals

Mdina Cathedral Museum

Campaners de la Catedral de València

Welt der Glocken – Anfänge der Glocken in China

BellsBase – Global Bell Database (About)

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